| |
 |
|
BMW
328 Kamm Coupé
Zurück in die Zukunft: BMW 328 Kamm Coupé. |
BMW 328 Kamm Coupé
Alle BMW Rennsportkarosserien, die bei der Mille
Miglia 1940 Geschichte geschrieben haben, begeistern
die Menschen heute noch überall, wo sie auftauchen.
Nur einer aus der silbernen BMW Rennsportflotte
fehlte bislang: Das BMW 328 Kamm Coupé.
Benannt wurde es nach dem deutschen Aerodynamik-Pionier
Wunibald Kamm. Die Spur des Wagens verliert sich
im Jahr 1953. Jetzt hat BMW Classic den Rennwagen
neu aufbauen lassen und damit pünktlich zum
70. Jahrestag des Sieges von BMW bei der Mille
Miglia einen wichtigen Meilenstein nicht nur in
der Motorsportgeschichte sondern auch in der Geschichte
der Fahrzeugaerodynamik wieder zum Leben erweckt.
„Wir sind sehr stolz, dass wir dieses Fahrzeug
der Öffentlichkeit wieder präsentieren
können“, so Karl Baumer, Leiter der
BMW Classic. „Das waren große technische
Herausforderungen, viele Diskussionen und unzählige
Stunden der Recherche, aber wenn man das Auto
dann zum ersten Mal sieht, dann fühlt man,
mit welcher Passion und Kennerschaft alle Beteiligten
zu Werke gegangen sind – damals wie heute.“
Bei BMW war man sich der Einmaligkeit der Mille
Miglia Fahrzeuge schon bald nach dem Sieg 1940
bewusst und so schaffte man sie schon bald aus
München weg, um sie auf dem Land versteckt
vor der Zerstörung im Krieg zu schützen.
Das gelang auch, denn alle fünf Fahrzeuge
überlebten nahezu unversehrt. Es waren allerdings
die Wirren der frühen Nachkriegszeit, die
dazu führten, dass BMW die Wagen verlor.
Einige alliierte Soldaten waren bereits in ganz
Deutschland auf der Suche nach seltenen Rennfahrzeugen.
Und so kam es, dass die drei Mille Miglia Roadster
nach Russland, England und Amerika gingen. Das
siegreiche Touring-Coupé, zunächst
in der Hand der Amerikaner, wurde durch einen
leitenden BMW Mitarbeiter gerettet. Er nahm es
aber bei seiner Auswanderung ebenfalls mit über
den großen Teich.
Lediglich das Kamm-Coupé blieb in Deutschland.
Ernst Loof, der frühere BMW Rennleiter, hatte
es für sich gesichert und nutzte es als Privatwagen.
Mittlerweile war er selbst zum Autohersteller
geworden und versorgte das aufstrebende Nachkriegsdeutschland
mit den schnellen Veritas Rennsportwagen. Immer
in finanziellen Nöten, musste er sich nach
einigen Jahren von dem Schmuckstück trennen.
Ein langes Leben unter seinem neuen Besitzer war
dem Kamm-Coupé allerdings nicht beschieden,
denn schon Anfang der 50er Jahre wurde es nach
einem Unfall verschrottet.
Über den historischen Wert dieses einmaligen
Fahrzeugs gab es keinen Zweifel, als BMW Mitte
der 90er Jahre anfing, durch die Gründung
der „BMW Mobile Tradition“, die Aufarbeitung
der eigenen Geschichte in größerem
Rahmen zu organisieren. Pläne zu einem Nachbau
des Kamm-Coupés waren schnell geboren.
Doch die Wiederherstellung gestaltete sich schwierig,
denn es gab keinerlei Konstruktionsunterlagen
darüber, auch der Bestand an historischen
Fotos war gering. Unter tatkräftiger Mithilfe
eines Münchner Privatsammlers gelang es jedoch,
nicht nur einen größeren Bestand an
Fotos zusammen zu tragen, die das Fahrzeug in
verschiedensten Perspektiven zeigten, auch standen
nun wieder genügend Aufnahmen der eigentlichen
Rohrrahmen-Konstruktion zur Verfügung.
Nun ging es an die schwierige Aufgabe, aus den
vorhanden Informationen das Abbild eines Gesamtfahrzeugs
zu formen. Einige Computerspezialisten in der
Designabteilung nahmen die Herausforderung an.
Zunächst wurden die aussagekräftigsten
Fotos gescannt, um als Basis in einem 3D-Geometrieprogramm
zu dienen. Dann wurden die einzigen sicheren Konstanten
wie Felgendurchmesser, Einpresstiefe, Größe
der Scheinwerfer, Türgriffe, Flügelmuttern,
Winker und BMW-Embleme eingearbeitet, bis sie
in jeder Projektion am gleichen Platz standen.
Jedes Bild ergab dann weitere Bezugspunkte für
Radausschnitte, Fenster und andere Teile in Bezug
auf die festgelegten Konstanten. Nach und nach
verdichtete sich die Information, bis sich ein
virtuelles Volumenmodell ergab, in dem jedes Detail
mit jeder Ansicht des Fahrzeuges übereinstimmte.
Daraus wurde ein Fräsprogramm generiert,
das mittels einer 5-Achsen-Fräsmaschine aus
einem riesigen hochverdichteten Schaumblock ein
Modell in Originalgröße heraus fräste.
Ein Restaurator wurde dann damit beauftragt, ein
originales BMW Chassis um 20 cm zu verlängern
und einen Stahl-Gitterrohrrahmen nach den Fotovorlagen
zu bauen. Nach kurzer Zeit wurde das Projekt allerdings
zunächst zurückgestellt. Im Rahmen der
Konzeption für das Neue BMW Museum kam die
Idee auf, den filigranen Elektron-Gitterrohrrahmen
des Kamm-Coupés als Demonstrationsobjekt
für den Bereich „Leichtbau“ wieder
herzustellen. Mit Hilfe eines Spezialisten aus
dem Münchner Umland gelang es auch, eine
genaue Kopie des ursprünglichen Gitterrohrrahmens
zu bauen. Als Material wählte man Aluminium
anstelle des ursprünglichen Elektrons und
kam damit gewichtmäßig dem Original
schon sehr nahe. Obwohl dieser Ausstellungs-Rahmen
nie dazu gedacht war, irgendwann zu einem Fahrzeug
komplettiert zu werden, blieb doch der Gedanke
weiterhin lebendig. Ein Projekt der Meisterschule
für Karosserie- und Fahrzeugbau Leipzig-Leisnig-Erlbach
in Zusammenarbeit mit dem BMW Werk in Leipzig
brachte dann den Stein ins Rollen.
Geplant war ursprünglich, den vorhandenen
Stahl-Gitterrohrrahmen mit Aluminiumblechen zu
beplanken, um zumindest das äußere
Erscheinungsbild des Fahrzeugs wieder herzustellen.
An der Meisterschule fertigte man Abdrücke
des Schaummodells, um darin die Karosseriebleche
der Außenhaut zu formen. Das fertig gestellte
Karosseriemodell dient dem BMW Werk in Leipzig
seitdem als Ausstellungsstück.
Im Rahmen des anstehenden 70-jährigen Jubiläums
des Mille Miglia-Sieges war man bei „BMW
Classic“ dazu entschlossen, den Plan eines
Wiederaufbaues nun zu realisieren. Es bedurfte
allerdings ausgewiesener Spezialisten, um aus
den verfügbaren Einzelteilen tatsächlich
ein fahrfähiges Auto erstehen zu lassen.
Nach den positiven Erfahrungen bei der Restaurierung
des BMW 328 Touring-Coupés und des Mille
Miglia Roadsters für das Neue BMW Museum,
musste hier die Wahl auf den Restaurator René
Große aus Wusterwitz in Brandenburg fallen.
Er nahm das Schaummodell als Basis für einen
Abdruck in GFK, das mit Holzspanten zu einem stabilen,
mittig teilbaren Gehäuse geformt wurde. In
diese Halbschalen hinein wurden die Rohre für
den Gitterrohrrahmen mit 25 mm Durchmesser aus
einer kaltaushärtbaren Aluminium-Legierung
eingepasst. Dies musste mit äußerster
Präzision erfolgen, denn an der Außenhaut
wären später keine Korrekturen mehr
möglich gewesen. Auf der Waage sollte sich
zeigen, dass man sich dem ursprünglichen
Wert von 30 kg Gewicht auch hier angenähert
hatte.
Für die Außenhaut verwendete man Teile
eines zweiten Satzes Karosseriebleche aus Reinaluminium,
die von der Meisterschule gefertigt worden waren.
Dazu kamen noch alle neuanzufertigenden Bleche
im Innenbereich, wie innere Kotflügel, Spritzwand,
der doppelte Karosserieboden, Armaturenbrett und
Tank, die in die vorhandene Form integriert werden
mussten.
So forderte die Anpassung an den Gitterrohrrahmen
das ganze Geschick und die Erfahrung der Karosseriebauer
aus René Großes Team. Ein interessantes
konstruktives Detail waren die 40 mm breiten Aluminiumstreifen,
die an den Außenkanten der Blechhaut auf
dem Rohrrahmen verschweißt waren. Um diese
wurde die Außenhaut auf wenigen Millimetern
Breite nach innen umgebörtelt, um so auch
optisch filigrane Kanten an der Motorhaube, den
Fenstern, Türen und Radkästen zu erhalten.
Dieses Detail, ebenso wie die Konstruktion des
Haubenscharniers und der Türscharniere hatte
sich BMW einst patentieren lassen, so dass es
dafür Zeichnungen gab, nach denen man die
Teile so originalgetreu wie nur möglich nachbauen
konnte.
Weitere Herausforderungen waren die technischen
Veränderungen, die das Kamm-Coupé
von seinen Brüdern aus der Serie unterschied,
wie nach hinten versetzter Kühler, Motor
und Getriebe, eine modifizierte Hinterachse, sowie
eine Vielzahl weiterer Veränderungen, die
eine aufwändige Kleinarbeit nach sich zogen.
Im März 2010 war es dann endlich so weit:
das BMW 328 Kamm-Coupé wurde in einer kleinen
Zeremonie an die „BMW Classic“ übergeben.
Viel Zeit war nicht mehr geblieben, um das neu
erstandene Rennfahrzeug auf seinen großen
Einsatz vorzubereiten: die Teilnahme an der Mille
Miglia 2010 – 70 Jahre nach dem denkwürdigen
Ereignis im Jahre 1940.
Foto: BMW 328 Kamm Coupé, Rohkarosse
|
|